Milton Camilo

Foto: Suilian Richon

Interview von Marc Wagenbach mit Milton Camilo
Wir versuchen oft etwas zu sein, was wir nicht sind.“

Wann erweiterte sich Dein Sujet?
Anfänglich malte ich einfach eine Person auf einem Hintergrund. Es gab aber keinen Boden oder irgendwelche Gegenstände. Dann habe ich ein Porträt von Dorothea, einer guten Freundin gemalt. In Ihrem Zimmer gab es diesen besonderen Teppich. Ich weiß nicht warum, aber ich integrierte
den Teppich und den Tisch in mein Bild. Das war das erste Mal, dass ich ein Detail in eines meiner Bilder aufgenommen habe. Und direkt danach habe ich das Bild mit dem Bett gemalt. Bei diesem Bild war mir völlig klar, dass ich nicht das Bett an sich, sondern das Licht malen wollte.
Das ist eines der wenigen Bildern, die ich mit Tageslicht gemalt habe.Ich war einfach sehr fasziniert von der Dichte der Patchwork- Decke. Und Schritt für Schritt sind neue Elemente dazu gekommen.

Was ist spezifisch für Deine Arbeitsweise?
Es gab ja direkt zu Beginn meiner Arbeit die Vergrößerung der Körperteile. Und mit der Zeit hat sich dies Deformation der Glieder fortgesetzt. Ich fragte mich, warum kann ein Fuß nicht einfach blau sein? Oder es fehlen mal zwei, drei Finger. Oder der Finger geht zur Seite, ist abgewinkelt. Und das alles, ohne dass der Mensch im Bild seine Schönheit verliert.

Warum malst du Kinder?
Ich male Kinder, weil sie für mich mit dem Potential verbunden sind, etwas aus dem Leben zu machen. Dafür müssen wir Ihnen aber zuhören. Die meisten Menschen, die ich kenne, nehmen die Gedanken der Kinder gar nicht wahr. Wenn Du aber eng mit ihnen zusammenarbeitest, hörst Du, was sie wahrnehmen und fühlen.
Sie sorgen sich um die Welt.

Die Kinder?
Ja. Erwachsene sprechen nicht oft über die Dinge, die ihnen Angst machen. Aber Kinder sprechen über alles miteinander und diskutieren darüber. Ich war letztens in einer Schule, und da hat ein Kind mit einem anderen gesprochen und meinte: „Weißt Du, es gibt bald Krieg in Deutschland.“ Und das waren Sieben- oder Achtjährige. Und das andere Kind erwiderte: „Ja, dann geht alles kaputt, auch die Schule.“ Ich habe sie dann gefragt, woher sie diese Informationen haben. Und sie sagten: „Wir spüren das. Wir haben Angst.“

Wann war klar für Dich, dass Du als Künstler bei Dir angekommen bist? Ich hatte sehr lange mit Ängsten zu kämpfen, die mit dem Rassismus, dem ich als Farbiger in Brasilien ausgesetzt war, zu tun haben. Ich traute mich auch in Deutschland nicht in ein Restaurant zu gehen.
Als ich mich 2007 von meinem damaligen Partner trennte, geschah etwas Seltsames. Die Enttäuschung über ihn nahmen mir auf seltsame Art und Weise meine Angst. Es gab da diesen einen Moment, nachts im Park, der mir zeigte, wie sehr ich mich verändert hatte. Ein paar Punks pöbelten
mich an: „Hey, Nigger. Hast du keine Angst hier allein zu sein?“ Ich sagte einfach nur „Nein, denn ihr wisst ja gar nicht, wer ich bin und was ich in meiner Tasche habe. Ihr solltet Angst vor mir haben“. Und dann haben sie mich akzeptiert. Einfach so. Es befreite mich von all den Missverständnissen in meinem Kopf. Von da an wusste ich, dass ich es bin, der über mein Leben entscheidet und niemand sonst. Ich war ein Maler.
Was ist Deine Aufgabe als Künstler und welche Funktion hat die Kunst in
Deinem Leben?
Als Künstler bin ich Mediator zwischen den Welten. Und es ermöglicht
mir, mich mit meinen inneren Dämonen auseinander zu setzen. Es ist meine
Art mich auszudrücken, mein Innerstes zum Sprechen zu bringen. Die Kunst
verbindet mich mit Allem.

Foto: Suilian Richon